Entwicklung im Burgenland

Die kleinstrukturierte burgenländische Landwirtschaft sieht sich seit Jahren mit enormen, zum Teil widersprüchlichen Herausforderungen konfrontiert. Das eigentliche Ziel, die Versorgung der Bevölkerung mit qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln durch eigene Produktion sicher zu stellen, ist durch einen beispiellosen globalen Wettbewerb, durch standardisierte hochtechnologische und kapitalintensive Massenproduktion mit ihren negativen Folgen für Tiere, Umwelt und Gesundheit in den Hintergrund gerückt. Gleichzeitig haben sich damit die Einkommens- und (Über-) Lebensbedingungen für die meisten in der Landwirtschaft Tätigen verschlechtert. 


Die seit Jahren zurückgehende Zahl an landwirtschaftlichen Betrieben belegt dies deutlich. Immer stärkere Konkurrenz in der landwirtschaftlichen Produktion und Vermarktung bei zum Teil völlig anderen Produktions- und Zulassungsbedingungen verlangt auch von der heimischen Landwirtschaft eine Neuorientierung.

Die Diskussion über den Milchpreisverfall etwa zeigt, dass die österreichische und damit auch die burgenländische Antwort auf Überproduktion nicht dauerhaft in Stützungszahlungen liegen kann, sondern in der Steigerung der Qualität (Stichwort: Bio) und in der Entwicklung neuer Produktnischen. Der aktuelle Trend zu gesunder Ernährung und damit zu biologischen, vegetarischen und veganen Produkten bietet hier zahlreiche Möglichkeiten. Die Kleinstrukturiertheit ist in diesem Zusammenhang keine Schwäche, sondern bietet im Gegenteil zahlreiche Chancen. Einen Preiswettkampf werden die burgenländischen LandwirtInnen – auch bei noch so hohen Förderungen – verlieren. Eine Qualitätsstrategie aber bietet reelle Chancen für kostendeckende Preise und hierfür sollen in den kommenden Monaten die Parameter entwickelt werden.

Die Stärken der saisonalen und regionalen Produktion, d.h. die Frische, die kurzen Transportwege, die Regionalität, die durchgängige Kontrolle von Anbau und Produktion müssen stärker herausgearbeitet und auf dieser Basis müssen sowohl neue bzw. wiederentdeckte traditionelle Produkte entwickelt als auch Vermarktungsstrategien aufgebaut werden. Eine derartige Strategie bietet Anknüpfungspunkte beim Tourismus (Qualitäts- und Thermentourismus, burgenländische Genuss- und Schmankerlwirte), bei urbanen KundInnen in den Großräumen Wien und Graz und – soweit die Produktionskapazitäten dafür gegeben sind – durchaus auch international.

Die zentrale Aufgabenstellung der Entwicklung des Agrarsektors für die kommenden Jahre zur Schaffung von mittel- und längerfristigen Einkommensperspektiven umfasst daher

  • die Konzentration auf hochwertige Produkte, die faire Preise, faire Arbeitsbedingungen und bessere Verdienstmöglichkeiten in der Landwirtschaft ermöglichen;
  • Markenbildung;
  • eine an Böden und Klima angepasste Anbaustrategie in Einklang mit Mensch und Umwelt;
  • die Erhöhung des lokalen/regionalen Versorgungsgrades;
  • die Vernetzung mit dem kulinarischen und touristischen Angebot.

Im Rahmen des neuen Projektes „Zukunft Landwirtschaft“ ist es mein erklärtes Ziel, gemeinsam mit ExpertInnen und den Menschen zukunftsträchtige Perspektiven für die burgenländische Landwirtschaft zu entwickeln. Dies erfordert eine Landwirtschaft, die im Angesicht von Globalisierung und starker interregionaler und internationaler Verflechtungen bestehen kann. Das Hauptgewicht der burgenländischen Agrarpolitik wird dabei in der Forcierung der Qualität der heimischen Produkte – insbesondere auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Klimawandel, in der gezielten Besetzung von Marktnischen und in der Entwicklung neuer Vertriebswege liegen.

Der Eröffnungsworkshop „Von Landwirtschaft leben. Strategien jenseits von „Wachsen oder Weichen“ zeigt auch gleich die Richtung, in die wir gehen wollen. „Wachsen“ steht für eine Strategie, bei der Größe die ausschlaggebende Vorgangsweise ist, um zu überleben. Das hat schon bei den Dinosauriern schlecht funktioniert. Und Weichen ist keine Alternative, sondern die Aufgabe, nach Alternativen zu suchen. Und wir werden nicht Aufgeben für die burgenländische Landwirtschaft zu kämpfen.


Die Umsetzung des Projekts „Zukunft Landwirtschaft“ wird von der Universität für Bodenkultur und dem Forschungsinstitut für Biologische Landwirtschaft  in meinem Auftrag umgesetzt. Es sind alle eingeladen, sich hier einzubringen und ihre Vorstellungen, Ängste und Bedürfnisse einzubringen und sich an der Diskussion zu beteiligen.

Gemeinsam werden wir neue Wege finden – im Interesse unserer BäuerInnen und Bauern, der landwirtschaftlichen Produktionsbetriebe und natürlich auch im Interesse der KonsumentInnen, die sich hochqualitative Produkte auf ihren Tellern verdient haben. 

Ihre
Verena Dunst